Als ich tags zuvor anreiste, hatte die gute Wettervorhersage zumindest nicht für Deutschland gegolten, denn zwischen Siegburg und Kempten regnete es ununterbrochen. Erst am Alpenrand wurde es wärmer und der Himmel lockerte sich auf und ich freute mich auf eine schöne Tour. Ich hatte in Neustift im Gästeheim Wulfenia ein schönes Zimmer bekommen und war dort der einzige Gast. Die Wirtin dämpfte meine Erwartungen jedoch, da sie sagte, dass für die folgenden Tage recht schlechtes Wetter vorhergesagt war.
Sie sollte Recht behalten, denn als ich morgens aus dem Fenster sah, hing im Tal eine niedrige Wolkendecke und es regnete leicht. Na ja, was sollte ich tun? Vielleicht klarte es im Laufe des Tages ja noch auf. Ich fuhr also Zum Elferlift und ließ mich hochziehen wobei ich nach 200 Hm bereits in den Wolken verschwand.
Oben angekommen war das Wetter natürlich nicht besser und so stieg ich den Weg über die Almwiesen im Zickzack unterhalb eines Sesselliftes hinauf zur , die ich bald schon erreichte. Eigentlich hätte ich von hier oben einen schönen Blick auf Neustift gehabt, aber die Wolken . . .
Die Hütte war erwartungsgemäß leer und ich genoss einen Tee zum aufwärmen. Besonders bemerkenswert ist der Zugang zu den Toiletten: ein Drehkreuz in das man 50 ct. einwerfen muss um passieren zu können. Zuerst dachte ich: "reine Abzockerei". Aber als ich wieder draußen war wurde ich auf ein großes Schild aufmerksam auf dem der Wirt dies erklärte. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die Skifahrer die Hütte gerne als Pinkelstation nutzen, ohne etwas zu verzehren. So gesehen ist die Maßnahme verständlich.
Ich ging nun weiter den O-Grat in Richtung der Elfertürme aufwärts. Nach 150 Hm teilte sich der Weg und der zum Klettersteig zweigte nach rechts ab. Ich blieb auf dem "Normalweg" und schlängelte mich den Grat hinauf. Der Weg war dabei nie ausgesetzt oder schwierig, bei besseren Verhältnissen war das sicher ein überaus eindrucksvoller Weg. Nach einiger Zeit gabelte er sich wieder. Geradeaus lief er direkt auf die Elferspitze zu und wurde recht ausgesetzt. Ich hielt mich links, wobei ich zeitweilig etwas an Höhe verlor.
Der Weg führte weiter entlang der Südseite der Elferspitze und wurde nun sehr interessant. Die Gipfel, die hier aus Kalk sind, spielten nun trotz der Wolken ihre ganze Pracht aus. Es war wie ein kleines Stückchen Dolomiten mitten im Alpenhauptkamm. Und wie dort stieg ich nun zwischen vielen bizarr verwitterten steilen Türmen immer wieder über Schutreißen aufwärts oder querte unter den wuchtigen Blöcken durch. Durch die Wolken regte sich dort oben nichts und es war unwirklich still.
Nach einiger Zeit hatte ich den höchsten Punkt erreicht, den westlichen Zugang zur Elferspitze. Von einem Pass aus ging es noch etwas nach O aufwärts, um einen kleinen Turm herum und dann zu einer steil nach N abfallenden Rinne. Zum Gipfel führten dann anfangs einige Seile hinauf. Wegen der schlechten Sicht verzichtete ich auf die restlichen 15 Hm bis zum Gipfel.
Mein Weg führte mich nun weiter nach W, wobei er teilweise etwas ausgesetzt immer weiter abfiel. Schließlich erreichte ich das Zwölfernieder. Auch hier hätte man einen schönen Blick nach N ins Stubaital haben können, aber wieder die Wolken . . . ich ging weiter abwärts, zunächst über Almwiesen der Gratzengrübl und der Äußeren Karalmgrube auf der mich einige Schafe anstierten. Hier war die Wegführung etwas missverständlich und ich befand mich bald schon auf dem Weg zur Inneren Karalmgrube. Es hieß also umkehren und 500 m auf dem Weg zurückgehen. Schließlich ging's steil zwischen Büschen hindurch hinunter zur Karalm, wo ich eine kleine Pause machte und mich bei einer Suppe auch etwas aufwärmte.
Nun kam die letzte Etappe des Tages, es ging hinauf zur Innsbrucker Hütte. Der Regen hatte wieder zugenommen und je höher ich kam, desto mehr ging er in Schnee über. Nach einem ersten Anstieg von 250 Hm folgte mit der Alfairgrube ein etwas flacheres Stück und schließlich ging es mit wenigen Kehren und in dichtem Schneetreiben die NW-Flanke der Kalkwand hinauf zum Pinnisjoch, das schon 15 cm Neuschnee hatte.
Von dort aus war es nur noch ein Katzensprung hinüber zur warmen wo ich ein schönes Lager erhielt. Das war jedoch über dem nicht geheizten Hüttenteil und damit einer der kältesten Räume in der Hütte. Kein Problem, das Lager war nicht allzu stark belegt und warme Decken gab es in ausreichenden Mengen.
Die Hoffnung, dass das Wetter sich bessern würde war verflogen, als ich morgens aus dem Fenster blickte. Es hatte die ganze Nacht durch geschneit und es schneite immer noch leicht. Auf dem Stubaier Höhenweg konnte ich also nicht hinüber zur Bremer Hütte, das war bei bis zu 30 cm Neuschnee zu gefährlich, schade!
Ich entschied mich also nach Gschnitz abzusteigen, das Tal entlang zu gehen und dann wieder zur Bremer Hütte aufzusteigen. In der Innsbrucker Hütte hatte ich Nicola und Thomas kennen gelernt und wir beschlossen diese Etappe zusammen zu machen. So ging's also zunächst nach S entlang der steilen Abstürze der Kalkwand und um dessen SW-Kante herum. Der Weg, normalerweise sehr schön und unschwierig, war durch den vielen Schnee durchaus mit Vorsicht zu genießen.
Wir verloren immer mehr an Höhe und erst in ca. 1.600 m wurde die Schneedecke merklich dünner. Unterwegs hatten wir allerdings immer wieder schöne Blicke hinüber nach O zu den Zillertaler Alpen. Schließlich erreichten wir den Ortsrand von , kreuzten Strasse und Bach und gingen auf der anderen Seite des Baches ohne große Steigung weiter.
Der Weg war an einigen von frischen Geröllkegeln unterbrochen, Resten des Unwetters, das ca. 1 Monat zuvor im gesamten Alpenraum getobt hatte. Plötzlich ging es nicht mehr weiter, ein verschlossenes Tor und ein Schild "Privat" versperrten uns den Weg. Also gingen wir etwas den Weg zurück und dann hinab nach Untertal. Dort kreuzten Strasse und Bach erneut und gingen wieder über einen schönen Waldweg weiter.
Aber nicht lang, denn nach knapp einem km kreuzten wir Strasse und Bach schon wieder. Dafür ging's nun über schöne Almwiesen bis zur Lampones Alm, auf der gerade Vieh für einen Almabtrieb bereit gemacht wurde. Das Wetter hatte sich zunehmend von Osten her gebessert und auch einige warme Sonnenstrahlen erreichten uns. Etwas später machten wir eine kurze Pause in einer Gastestube.
Leider war das Wetter nach der Pause wieder schlechter und der folgende 950 Hm Anstieg zur Bremer Hütte verlief wieder unter bzw. in den Wolken. Zunächst gingen wir bis zum Talende und dann rechts steil der Berg hinauf. Wie wir später feststellten, war der Weg entgegen meiner AV Karte etwas nach SW verlegt worden. Mehr und mehr gerieten wir auch wieder in den Schnee. In 2.000 m Höhe am Simmingsee schließlich erreichten wir wieder eine durchgehende dicke Schneedecke.
Wir querten den Bereich des Sees und stiegen am jenseitigen Hang teils steil empor. Anschließend ging's noch etwas im Zickzack den Berg aufwärts, bis wir schließlich die erreichten.
Der Teil der Hütte in dem sich das Lager befand war neu renoviert und ich hatte das Lager ganz für mich. Auch der Waschraum war groß, sauber und, was ich besonders am folgenden Morgen schätzte, gut geheizt. Die Wirte waren sehr freundlich und das Essen große Klasse. Eine absolut empfehlenswerte Hütte also!
Auch an diesem Tag hatte sich das Wetter nicht gebessert. Zwar hingen die Wolken nicht mehr so tief, die Wolkendecke war bis auf ca. 3.000 m gestiegen, aber der Himmel war nicht sonderlich heller geworden. Bevor ich mich auf den Weg zur Nürnberger Hütte machte, wollte ich mir noch die kurze Kletterstelle auf dem von den Innsbrucker Hütte kommenden Stubaier Höhenweg nahe der Bremer Hütte ansehen.
Sie befindet sich kaum 5 Minuten von der Hütte entfernt und folgt einem schmalen Riss in einem Gletscherschliff. Bei diesen nassen Verhältnissen wäre er viel zu gefährlich gewesen, besonders, da er nicht mit Seilen abgesichert ist. Als Alternative gibt es einen Abstieg von ca. 200 Hm in das Kar mit kurz darauf wieder folgenden Aufstieg zum Stubaier Höhenweg.
Anschließend ging ich wieder an der Hütte vorbei und folgte dem Höhenweg zur Nürnberger Hütte. Zunächst verlief er über eine kleine Kuppe und verlor dann ca. 50 Hm um eine Felsrippe zu umgehen. Unmittelbar darauf stieg er wieder an und Zickzackte sich den Berg aufwärts. Hier holte ich Nicola und Thomas wieder ein und gemeinsam stiegen wir zum Simmingjöchl auf. Kurz vor dem Joch gab es einige Fixseile, die wir auch dankbar nutzten, denn hier hieß es in leichter Blockkletterei die letzten 50 Hm zum Joch zu überwinden.
Auf dem Simmingjöchl (2.754 m) steht eine ehemalige Zollhütte und hier trafen wir auch andere Wanderer aus der Bremer Hütte wieder. Die Aussicht auf die Berge der Gegend musste von hier aus bei gutem Wetter überwältigend sein, die niedrige Wolkendecke und der trübe Himmel verhinderten dies jedoch. Schon nach einer Kurzen Pause machten wir uns daher wieder auf den Weg. Da an diesem Tag noch niemand hier gegangen war und die Nordwestseite deutlich mehr Schnee als die Südostseite des Jochs hatte, war das Vorankommen mühsam und nicht ungefährlich.
Interessanterweise war eine Katze oder ein Hund an diesem Tag bereits meist genau dem Weg gefolgt. Daher ließ er sich auch gut finden, obwohl die rot weißen Markierungen unter dem Schnee oft nicht zu sehen waren. Es ging teils steil auf dem oft rutschigen Schnee abwärts bis zu einer Stelle kurz oberhalb des Oberen Grübls. Hier verlief der Weg über eine ca. 20 m hohe Steilstufe, zum Glück gab es dort Fixseile. Ohne diese wäre die Stelle bei diesen Bedingungen lebensgefährlich gewesen. Danach hatten wir es für den Augenblick geschafft und folgten dem Weg durch das Obere Grübl hinab. Dabei wurde ein kleiner See umgangen in dem wir über dicke Blöcke balancieren mussten, kein leichtes Unterfangen bei dem vielen Schnee.
Bald schon folgte aber die nächste echte Herausforderung, es ging teils an Seilen über den rutschigen Schnee Gletscherschliffe hinab. Dabei hieß es wieder sehr vorsichtig sein, denn ein Ausgleiten hätte einen 200 m Sturz hinab zur Grüblalm zur Folge gehabt. Der Weg bog nach links (SW) ab und nach einer erneuten Steilstufe die mittels Fixseilen überwunden wurde, erreichten wir auf einem flach abfallendem Weg den Bach, der den Grüblferner entwässerte.
"Toll" dachte ich "wieder eine dieser so genannten Brücken die ich so liebe". Es waren zwei zusammengelegte dicke Bretter gerade breit genug um drauf zu stehen. Und weil noch niemand dort gewesen war lag zu allem Überfluss auch noch viel Schnee auf den Brettern. Also ging ich vorsichtig, einen Fuß vor den anderen setzend, über die Brücke. Auf der anderen Seite musste ich dann wieder 50 Hm gewinnen. Dies gelang auf guten Wegen, die aber von zwei kurzen heftigen, aber seilgesicherten Steilstufen unterbrochen wurden.
Bald darauf erreichten wir aber die . Es ist schon eine etwas ältere Hütte, der ich persönlich weder von außen, noch von innen viel abgewinnen kann. Ursprünglich hatte ich vor an diesem Tag noch zur Sulzenau Hütte weiterzugehen, aber bis hier her hatten wir, bedingt durch die widrigen Verhältnisse, schon über fünf Stunden gebraucht, angegeben ist diese Etappe mit 3 - 4 Stunden.
Die Hütte war wieder von den Wolken verschlungen worden und laut Wetterbericht würde sich das Wetter erst in einigen Tagen deutlich bessern. Den Übergang über den Maierspitz kannte ich noch aus dem Jahr 1998 und wusste, dass er auf beiden Seiten teils sehr steil ist. Auch war auf der Westseite wie auf dem Simmingjöchl wieder mit noch mehr Schnee zu rechnen. Da auch keiner der Anwesenden direkt weiter zur Sulzenau Hütte gehen wollte, beschloss ich es für diesmal gut sein zu lassen und unmittelbar ins Tal abzusteigen.
Nach einer Suppe machte ich mich also wieder auf den Weg. Inzwischen war die Sicht auf ca. 100 m zurückgegangen und es sprühte leicht. Ich wusste von dem Busfahrplan, dass ich um kurz vor vier unten sein musste, wollte ich den nächsten Bus nach Neustift noch erreichen. Also gab ich Gas.
Von der Hütte aus ging's kurze Zeit leicht abfallend nach N, aber bald schon in unzähligen Kehren hinab zur Bsuch Alm. Kurz vorher hatte ich die Wolken hinter mir gelassen. Es ging über den flachen Talboden der Alm und dann einige Zeit über eine Asphaltstrasse in Richtung Stubai Tal. Nach ca. 500 m führte der Weg links ab in den Wald und wieder ging's mit paar Kehren hinab zur Strasse.
Als ich gerade die letzte Rampe herunter kam, sah ich denn Bus auf die Haltestelle zufahren. Ich wollte noch laufen, aber ich war zu weit weg und da niemand an der Haltestelle wartete, hielt auch der Bus nicht und entschwand in der Ferne. Jetzt hieß es eigentlich ½ Stunde auf den nächsten Bus warten. Ich probierte es per Anhalter und bald schon nahm mich ein freundlicher Arbeiter der Gletscherbahn mit bis nach Neustift. Hier nahm ich mir ein Zimmer im schönen und genoss am Abend die hauseigene Sauna und das gute Abendessen.