Andreas Wienekes Bergtouren Seiten


Am frühen Nachmittag traf ich dann nach einer langen Fahrt durch das heiße Deutschland und die Schweiz in Arolla ein. Hier oben war es glücklicherweise etwas kühler und der Himmel hatte sich bedeckt. Bei einem Skilift parkte ich meinen Wagen und ging in Richtung N über eine Schotterstrasse los. Bald schon traf ich auf einen Wegweiser in Richtung der Cabane Aiguilles Rouges, der Hütte auf der wir uns alle treffen und die Tour beginnen wollten.
 
Der Weg verlief nun nach NW und wurde steiler und tauchte in einen lichten Lärchenwald ein, kam jedoch schon bald auf einer weiten Alm aus. Diese überquerte ich und an deren westlichen Ende ging's wieder etwas empor. Ich überquerte einen kleinen Pass und konnte von dort aus die gegenüber auf einem Felsabsatz des Aiguilles Rouge d' Arolla liegende Hütte zu ersten Mal sehen. Leider begann es nun hinter mir etwas zu rumoren und ich stellte fest, dass sich der Himmel mehr und mehr zuzog. Der Weg verlor nun erst einmal wieder ein bisschen an Höhe.
 
Ich querte einen Bach, der hier an einer flachen stelle in mehreren Armen breit dahin floss und passierte den Abzweig zum Col des Ignes, über den wir am nächsten Tag zur Cabane des Dix gehen würden. Ich folgte aber dem Weg, der zur Aiguilles Rouge führte und spürte die ersten Regentropfen. Da die Hütte nur noch eine halbe Stunde entfernt war, verzichtete ich darauf das Rucksackcape auszupacken, sondern ging etwas schneller.
 
Ich passierte eine kurze seilversicherte Stelle und unmittelbar danach begann der Weg wieder in zahlreichen Kehren anzusteigen. Zum Schluss verlief er über den Rand einer Moräne und schließlich erreichte ich die Cabane Aiguilles Rouges (Club Alpin Académique Genève, 2.810 m), vor der meine Freunde schon auf mich warteten. Sie waren schon früher losgefahren und bereits im Laufe des Tages eingetroffen. Wegen des drohenden Regens hatte ich den Weg sogar in gut 1 ¾ Stunden geschafft.
 
Die Hütte war recht einfach, aber hübsch. Interessant waren auch die Toiletten, zwei Verschläge 50 m entfernt unterhalb. Das Essen allerdings hielt sich in Grenzen. Immerhin, wir hatten als Gruppe einen Raum ganz für uns.
 
Nach einem ausgiebigen Frühstück machten wir uns auf den Weg. Der Übergang über den Col des Ignes zur Cabane des Dix war in de Literatur kaum beschrieben, daher wussten wir auch nicht so recht was uns erwarten würde. Zunächst gingen wir auf dem Weg des Vortages hinab ins Tal. Dort zweigte der Weg nach rechts (W) ab und begann gemächlich zu steigen.
 
Da wir kaum etwas über diesen Übergang gefunden hatten, hatten wir erwartet, dass der Weg nicht leicht zu finden wäre. Das war aber eine falsche Annahme; der Weg war durchgehend sehr gut mit weiß-blauen Markierungen versehen. Außerdem konnten wir seinen Verlauf sehr gut mit dem Fernglas verfolgen.
 
Wir stiegen nach einer kurzen Rast und bei aufgelockerter Bewölkung gegen das Talende an. Dabei passierten wir die kümmerlichen Reste des Ignes Gletscher; ausser einem großen Gletschertor war nicht mehr viel davon übrig. Nun ging es erst leicht steigend über mehr oder weniger feines Geröll genau nach W. Eine kleine felsige Steilstufe wurde umgangen und schließlich folgte das letzte Stück hinauf zum Col des Ignes.
 

Von dort oben hatten wir einen wunderschönen Blick hinab ins Val d'Dix, Val d'Arolla und sogar bis hinüber zum Grand Combin. Also machten wir erst mal eine ausgiebige Pause, um uns satt zusehen. Gegenüber lag die wuchtige La Luette, dahinter der Le Pleureur und im W unter uns der große Stausee Lac de Dix. Besonders eindrucksvoll leuchtete im N die riesige, steile Südwand des Mt. Blanc de Cheilon mit ihren gewaltigen Wächten. Auch die darunter liegende Cabane des Dix, unser Tagesziel, konnten wir vom Pass aus schon sehen.
 
Schließlich gingen wir weiter. Anders als auf Ostseite, war der Weg auf der Westseite sehr steil und verlief im Zickzack einen Geröllhang hinab in grobes Blockwerk hinein. Hinter uns begann es wieder zu poltern und wir bemerkten, dass ein Gewitter das Val d'Dix hinauf zog. Der Weg führte weiter steil hinab und traf schließlich auf den Weg, der von Arolla aus über den Col de Riedmatten unmittelbar zur Cabane des Dix führt. Auf dieser Seite des Berges muss der Wanderer dabei eine 50 m hohe Steilwand mittels zweier fest installierten Leitern überwinden.
 
Da der Regen nun einsetzte, verpackten wir uns und unsere Rucksäcke und marschierten los. Dabei hieß es vorsichtig sein, denn wir betraten nun den Gletscher. Zwar war der über und über von Geröll bedeckt, aber darunter war Blankeis und mancher unbedachte Schritt ließ uns etwas ausrutschen. Mitten auf dem Gletscher öffnete der Himmel seine Schleusen und gab uns alles, was er hatte, einschließlich Hagel, der unangenehm schmerzhaft vor allem auf unsere Hände prasselte.
 
Aber noch bevor wir den Gletscher ganz gequert hatten, hatte das Gewitter schon wieder aufgehört und wir machten uns an den letzten, steilen Anstieg von Süden aus ca. 100 Hm hinauf zur .
 
Diese Hütte ist deutlich schöner als die Aiguilles Rouges und auch hier hatten wir wieder ein eigenes Zimmer. Besonders interessant hier war die "Douche Panoramique", eine Brause, die von drei Seiten aus mit Paletten verkleidet war und mit einem langen schwarzen Schlauch aus einer Quelle jenseits einer kleinen Schlucht gespeist wurde. Ich beschloss, dass es mir noch zu kalt zum Duschen war, aber auch sonst benutzte niemand die Dusche an diesem Nachmittag.
 
Das Essen abends war wunderbar und erheblich besser, auch war das Hütten Ehepaar und die Helfer deutlich herzlicher als auf der vorherigen Hütte. Abends wurde der nächste Tag geplant und wir einigten uns auf eine Eingehtour auf den La Luette, quasi der Hausberg der Hütte.
 
Da es sich diesmal um eine Gletschertour handelte, gingen wir leidlich früh los. Von der Hütte aus führte der Weg im Bogen hinab nach W, stieg aber bald schon wieder an und wir erreichten einen schönen kleinen See. Wir genossen dabei immer wieder den Blick hinauf zum Mt. Blanc de Cheilon, an dem schon einige Seilschaften unterwegs waren.
 
Wir stiegen die sanften Hänge hinauf und erreichten schließlich die flach auslaufende Gletscherzunge des Luette Gletschers. Nach dem Anlegen der Ausrüstung marschierten wir den Gletscher im Bogen nach W aufwärts. Zwar hatte der Gletscher von der Hütte aus recht harmlos ausgesehen, aber hier oben zeigte sicht, dass er durchaus auch einige Spalten zu bieten hatte, die wir aber leicht umgehen konnten.
 
Leider war der Schnee teils schon etwas weich, weshalb das Gehen gelegentlich etwas mühsam wurde. Trotzdem erreichten wir nach einiger Zeit einen Sattel wo wir die Steigeisen abnahmen und weiter den flachen Grat hinauf zum Gipfel der La Luette kletterten. Das war aber teils nicht ganz einfach, denn der angeschmolzene Schnee erinnerte teilweise an Schmierseife und der Grat war an manchen Stellen recht schmal. So erreichten wir dann doch noch wohlbehalten den Gipfel der La Luette (3.369 m).
 

Auch hier oben hatten wir eine wunderbare Rundsicht. Der Mt. Blanc de Cheilon, aber auch der Gand Combin waren zum Greifen nah. In der Ferne im O und NO schimmerten die eisgepanzerten Riesen des Wallis wie Dent Blanche oder Zinarothorn. Besonders eindrucksvoll war auch der Tiefblick die fast senkrecht abfallende N-Wand des Luette hinab auf den En Darrey Gletscher. Da der Himmel nur wenige Wolken hatte, ließen wir uns dort oben fast 1 ½ Sunden die Sonne auf den Bauch scheinen bevor wir uns wieder an den Rückweg machten.
 
Der verlief nahezu über den Aufstiegsweg und so erreichten wir die Hütte bereits wieder am frühen Nachmittag. Wito und Michael gingen im Klettergarten klettern, manche ruhten sich aus und andere, wie ich auch, probierten die Außendusche. Das Wasser war wider Erwarten überhaupt nicht kalt. Es wurde durch den gut 200 m langen schwarzen Schlauch so stark von der Sonne erwärmt, dass ein Duschen mit angenehm warmem Wasser möglich war.
 
Am Abend, während es draußen wieder regnete und hagelte, wurden wieder Pläne für den nächsten Tag geschmiedet. Eine Möglichkeit wäre der Mt. Blanc de Celion gewesen. Der sah aber von der La Luette dermaßen aper aus, dass wir uns schließlich für die Tour über den Pigne d'Arolla zur Cabane Vignettes entschieden. Das Abendessen war, wie schon am Vortag eine Wucht!
 

 
Diesmal hieß es früh aufstehen, denn es wartete eine lange Gletschertour auf uns. Kurz nach fünf Uhr ging's dann los, zunächst wieder die 100 Hm hinab zum Cheilon Gletscher und dann auf diesem kaum merklich ansteigend nach N. Nach eine knappen Stunde legten wir die Steigeisen an und stiegen nun den deutlich steiler werdenden Gletscher aufwärts.
 
Eine große, steile, völlig apere Spaltenzone durchquerten wir mit großer Vorsicht auf teils nur Handtuch breitem Eis. Der Weg wurde wieder etwas weniger steil, nur um kurz danach wieder steil anzusteigen. So stiegen wir der Sonne entgegen den Gletscher hinauf. Dadurch, dass wir früh gestartet waren, war der Gletscher hier oben noch schön hart und das Gehen war angenehm hart.
 
Erst nach insgesamt ca. zwei Stunden erreichten wir ein wirklich flaches Stück, denn hier wurde der Gletscherabbruch des Tsijiore Noupe Gletschers weiträumig umgangen. Die riesigen Spalten unter uns konnten wir größtenteils nur vermuten, denn die Schneeauflage war beruhigend mächtig genug.
 
Am Ende des Bogens folgte erneut eine mit 40 - 50° unangenehm steile und ca. 50 m hohe Firnflanke. Unmittelbar oberhalb der Flanke erwarteten uns einige riesige Spalten, die wir nur mit äußerster Vorsicht querten, denn deren Spaltenbrücken waren durch die kräftige Sonne bereits teils einwenig weich. Dann hatten wir es aber endlich geschafft und befanden uns auf dem Plateau zwischen Mt. Blanc de Cheilon und Pigne d′Arolla.
 

 

Von dort aus war es nur noch ein Katzensprung bzw. ein letzter Anstieg hinauf zum Gipfel (3.769 m) und wir wurden mit einem atemberaubenden Rundblick für die Mühen des Aufstieges belohnt.
 
Wir bewunderten die Eisriesen der nahen und ferneren Umgebung wie gleich gegenüber im Osten Dent Blanche und Dent d'Herens, und gerade noch erkennbar dahinter das Matterhorn. Im Westen zum Greifen nah der Mt. Blanc de Cheilon und dahinter, jenseits des Val de Bagnes das riesige Massiv des Gand Combin. Nördlich tief unter uns lag Arolla unmittelbar östlich unter uns und gegenüber, das Adlernest .
 
Wir wollten gar nicht wieder gehen, aber nach wieder weit über einer Stunde machten wir uns dann doch an den Abstieg. Der führte uns nun zunächst nach Süden steil den Gletscher abwärts und bog dann, einige große Spalten querend nach Südosten und führte auf einen Grat zu. Hier wäre der Weg eigentlich weiter nach Südosten über den Gletscher verlaufen, aber durch den zurückgehenden Gletscher mussten wir nun wieder etwas nach Süden durch das Geröll absteigen.
 
Schließlich erreichten wir in etwa das Niveau der Vignettes Hütte und gingen kaum aufsteigend auf eine kleine Scharte zu. Die Hütte klebt wie ein Schwalbennest an der Seite eines Gratsauläufers des Pigne d'Arolla. Und wir umgingen den kleinen Grat auf dessen Nordseite. Hier war es etwas unangenehm, denn wir mussten etwas unterhalb des Grates einen sehr schmalen und steilen Firnhang passieren. Aber auch das meisterten wir und erreichten schließlich die .
 
Die Hütte ist an sich recht schön und die Position als Aussichtskanzel gegenüber des Mt. Collon und des L'Eveque hoch über dem Otemma Gletscher. Leider pferchte uns der Wirt mit vielen anderen Wanderern in einen einzigen Raum bis der komplett gefüllt war, obwohl andere Räume völlig leer waren. Auch konnten wir, als wir gegen 15 Uhr ankamen so gut wie nichts mehr zu essen kaufen, nicht mal eine Suppe oder belegte Brote gab es!
 
Abends musste dann leider umgeplant werden. Unser Tourenführer Christian war noch auf den letzten Metern vor der Hütte unglücklich in ein Loch getreten und hatte sich das Knie verdreht. Die Besteigung der L'Eveque, wie ursprünglich geplant fiel daher flach. Nach einigen möglichen Varianten kamen wir schließlich überein am nächsten Tag doch schon nach Arolla abzusteigen.
 

Ich musste ohnehin schon am Donnerstag zurück nach Hause fahren, daher waren die verschiedenen Varianten für mich zeitlich leider nicht mehr möglich. Willy, Markus und Michael beschlossen daher an den folgenden Tagen noch das Bishorn vom Zinal Tal aus zu machen, Eva und Wito wollten ohnehin nach dieser Tour noch weiter zur Monte Rosa.
 

Wir standen nicht allzu früh auf, denn heute stand leider nur der Abstieg auf dem Programm. Glücklicherweise war der Gletscher noch schön hart und wir konnten komfortabel, einige kleinere Spalten querend den Gletscher im Bogen nach Norden hinabsteigen. Nachdem wir einen steileren, aperen Bereich passiert hatten, wurde der Gletscher flacher. Am nördlichen Ende des Gletschers erreichten wir einen schönen Bergpfad.
 
Dieser führte in vielen Kehren steil nach W abwärts, wobei wir eine kurze felsige Stelle mittels einer kurzen, an den Fals montierten Leiter überwanden. Nun führte der Pfad immer weiter fallend unterhalb des Tsijiore Noupe Gletschers vorbei und schließlich entlang über dessen orogr. rechten Moräne weiter abwärts. Hier bewunderten wir immer wieder die wunderschönen Bergblumen wie Alpenglockenblume, Steinbrech oder Kuhschelle, die dort oben in Massen in voller Blüte standen. Bei einer Brücke über den Bach des Tsijiore Noupe Gletschers tauchten wir nach drei Tagen wieder in den Wald hinein. Nach einem kurzer Bummel über saftige Wiesen und durch den lichten Lärchenwald erreichten wir schließlich das Hotel Kurhaus.
 
Ich ging noch etwas weiter und holte meinen Wagen von der Liftstation. Wir ließen uns am Kurhaus die Sonne auf den Bauch scheinen, saßen noch etwas zusammen und genossen einen Cappuccino. Schließlich stopften Christian und ich alle Sachen in mein Auto und fuhren, übrigens am heißesten Tag des Jahres, durch die Schweiz und Deutschland zurück nach Hause. Die anderen Zinal Tal bzw. zur Monte Rosa. So endeten wieder, wenn auch etwas verkürzt einige wunderschöne Tage im Hochgebirge.