Andreas Wienekes Bergtouren Seiten
Durch einen Wechsel der Arbeitsstelle mußte ich in diesem Jahr schon sehr früh im Jahr Urlaub machen. Da bot sich eine Klettersteigwoche, die ich eigentlich immer schon mal machen wollte, in Arco an.
 
Ich reiste wieder einmal per Liegewagen über München an, diesmal ins schwül warme Rovereto im Eisacktal. Da der Bus nach Arco noch mehr als zwei Stunden auf sich warten ließ beschloß ich ein Taxi zu nehmen (teur, ich hätte warten sollen!). Nach einiger Zeit hatte ich das Hotel Garden in Arco erreicht. Nach dem Einchecken erkundete ich noch etwas das schöne teils noch mittelalterlichen Städtchen.
 
Abends trafen sich alle Teilnehmer und der Bergführer der Klettersteigwoche auf der Veranda des Hotels und lernten sich kennen. Es folgte das unvermeidliche: wer bin ich, was habe ich schon alles alpines gemacht, was erwarte ich von der kommenden Woche. Es war ein bunt gemischtes, munteres Häufchen.
 
Als wir morgens gegen halb acht frühstückten regnete es noch stark. Wir waren aber "Berufsoptimisten" und redeten uns das Wetter schön. Nach dem Frühstück gings erst mal in den Hotellkeller zur Materialausgabe und zum lernen. Der Bergführer erklärte uns, wie wir die Klettersteigsets anzulegen hatten und lehrte uns die nötigen Knoten. Gegen halb eins hatte sich das Wetter vollkommen geändert, die Sonne schien und es waren nur noch wenige Wolken am Himmel.
 
Wir machten und zu Fuß auf zum nahegelegenen "Klettersteig" Via Ferrata del Colodri E. Hüsler wertet ihn als Sportklettersteig mittlerer Schwierigkeit. Ich persönlich stufe ihn aber ehr als gesicherter Steig höchstens mittlerer Schwierigkeit ein. Bis auf ein paar Platten (ca 30 m) im oberen Bereich ist er m.E. nicht schwieriger als z.B. der Aufstieg zum Watzmann Hocheck oder zur Kampenwand und sicher erheblich leichter als der Anstieg zum Großen Ilfinger.
 
Der Steig bietet aber wunderbare Tiefblicke auf Arco und das Flüsschen Sarca und Blicke auf die gegenüber liegenden Berge. Wir stiegen vorschriftsmäßig ein- und aushakend sichernd aufwärts. Nach ca. einer Stunde hatten alle Teilnehmer die 400 Hm geschafft und wir machten nahe dem Ausstieg eine Pause. Von hier aus hätten wir nach Arco absteigen können, aber da der Tag noch jung war gingen wir die 400 m weiter zum Colodi Gipfel. Auch hier wurden wir wieder mit eindrucksvollen Tief- und Weitblicken belohnt. Wir gingen weiter durch die locker stehenden Bäumchen immer wieder mit Tiefblicken überrascht in Richtung Mt. Colt.
 
Dort gings schließlich über einige Leitern hinab ins Tal der Sarca. Wir verloren weiter teils sehr steil an Höhe und folgten dem Bergrücken hinab durch den Wald. Schließlich trafen wir nördlich des Bergrückens auf die von Ceniga kommende Straße. Dieser folgten wir wieder bergab und kamen noch an der Einsiedelei Eremo di S. Paolo vorbei.
 
Dort hatten sich Kletterer in einem Überhang einige atemberaubend Touren markiert, die Sicherungsseile hingen zum Teil noch drin. Wir gingen weiter die Straße talabwärts, entlang der Obstgärten und den dazu gehörenden alten Bewässerungssystemen. Schließlich kamen wir wieder im Hotel an. Der Abend klang dann mit einem leckeren Essen in einem der stilvollen Restaurants Arcos aus.
 
Da wir einige Zeit mit dem PKW zu fahren hatten, frühstückten wir schon kurz nach sieben und machten uns bald auf den Weg über Nago, vorbei an einem schönen Sumpfgebiet nach Mori und von dort aus hinauf ins Mt. Baldo Gebiet zur Madonna im Schnee, Madonna della Neve (1.050 m). Das Wetter war optimal für diese Unternehmung, kaum eine Wolke war am Himmel zu sehen.
 
Zunächst ging es den Weg 653 bergab auf alten Wirtschaftswegen, die teils richtig "gepflastert" waren. Nach ca. einer halben Stunde zweigte links ein schmaler Pfad {685} ab und brachte uns immer noch mitten durch den Wald führend leicht ansteigend zum Einstieg des Via Ferrata Gerardo Sega (Nach Hüsler: "klassischer Klettersteig mittlerer Schwierigkeit'). "Ein Höllenschlund, von Titanenhand aus dem Berg geschlagen" schreibt er dazu und das stimmt. Dieser Überhang, wie die Apsis einer riesigen Kirche geformt ist an Imposanz kaum noch zu überbieten.
 
Nach einer Pause und anlegen der Klettersteigsets gings dann los. Zunächst eine kurze Leiter hinauf, dann über einige Felsen zu einem nach links verlaufenden Band. Dies ist teilweise so schmal, daß nicht mal ein fußbreit Platz drauf ist. Unter den Füßen geht's allerdings einige hundert Meter senkrecht runter. Wie sagte unser Bergführer: "Ein Genuß" und recht hat er! Nachdem das Band um den linken Felsgrat herum geführt hatte stiegen wir nahe einer Rinne über Felsen und Wald steil aufwärts und querten die riesige Apsis erneut (diesmal von links nach rechts ) jedoch auf einem wesentlich breiteren Band, dafür aber ohne Seile. Diesmal gings rechts um eine Felsnase herum und wieder steil durch Wald und über Felsen aufwärts.
 
Anfangs waren dort noch Seile, später, da weniger gefährlich, keine mehr. Von einem buschbewachsenen Grat aus konnten wir noch einmal hinab zum Einstieg sehen. Weiter ging es durch mehr offenes Gelände, immer wieder durch Büsche und über Felsen, teils verseilt empor. Nach einer letzten steilen felsigen Stelle standen wir unvermittelt auf dem Ausstieg nahe dem Corno Gallina.
 
Von dort aus gingen wir noch ca. eine halbe Stunde bergab durch die herrlichen Blumenwiesen, für die der Mt. Baldo berühmt ist, bis wir schließlich wieder in Madonna della Neve unsere Fahrzeuge erreichten. Am Abend gab es wieder ein herrliches Essen in Arco.
 
Wieder einmal war unser Ziel ein Klettersteig im Mt. Baldo Gebiet, diesmal aber eine Etage höher als tags zuvor. Diesmal fuhren wir jedoch über Mori bis ins Eisacktal und dort nach Süden bis wir in Avio den Baldo hinauffuhren.
 
Von der ansteigen Strasse aus konnten wir noch einmal in die Apsis des Sentiento attrezzato Gerardo Sega hineinsehen. Auch von hier unten aus einiger Entfernung sah es immer noch sehr beeindruckend aus. Es ging weiter und weiter aufwärts, bis wir schließlich auf einem kleinen Parkplatz etwas südöstlich unterhalb der Cima Valdritta in ca. 1.500 m Höhe unsere Autos abstellten. Die Parklpatzsuche gestaltete ich hier oben etwas schwierig, aber schließlich hatten wir es geschafft und konnten losmarschieren.
 
Nun stand uns erst einmal ein gehöriger Aufstieg von fast 700 Hm bevor. Zunächst gings noch durch Wald, aber bald schon nur noch über Wiesen. Das Wetter spielte auch wieder mit, es herrschte wieder blauer Himmel. Glücklicherweise war es dort oben noch kühl genug, sonst wäre der Aufstieg deutlich schweißtreibender gewesen. Nach einem Aufstieg zu einem Buckel konnten wir den fast waagerechten breiten Höhenweg am Telegrafo schon sehen. Unser Weg stieg den Hang nach links querend zu diesem hinauf und darauf noch ein kurzes Stück nahezu eben weiter. Bald schon erreichten wir nach einem gesprengten Durchgang kurz vor der Vetta delle Busse und machten erst mal Pause.
 
Nach einiger Zeit legten wir wieder unsere Klettersteigsets an und steigen ein Geröllfeld nach links hinab auf den Wandfuß der Vetta delle Busse zu. Bei einem komfortabel breiten Felsplateau begann die Ferrata delle Taccole (Nach Hüsler: "klassischer Klettersteig mittlerer Schwierigkeit').
 
Ich fand jedoch, diese Ferrata hat schon mehr den Charakter eines Sportklettersteiges, denn dort gings gleich mit einem ca. 20 m hohen senkrechten Kamin los, neben dem zwar ein schönes dickes neues Stahlseil verlief, der dafür aber sehr sparsam mit Tritten und Eisen versehen war. Nach einem kurzen schrägen Stückchen teils ohne Seil erwartete uns die nächste senkrechte Wand, diesmal ca. 40 m hoch mit noch weniger Tritten oder Eisen. Danach gings nur noch etwas weiter aber deutlich leichter durch den Fels aufwärts und schließlich über einen kleinen Grat hinüber zu den Wiesenhängen der Vetta delle Busse, einem flachen breiten Buckel, den wir kurz darauf dann bald erreichten. Alles in allem ein schöner, kurzer dafür knackiger Klettersteig. Nach einer ausgiebigen Pause auf dem Gipfel stiegen wir durch die Scharte wieder auf dem Aufstiegweg zu unseren Fahrzeugen hinab. Auch an diesem Abend belohnten wir uns wieder mit einem leckeren Essen Arco.
 
Sieht man Bilder von Klettersteigen am Gardasee, so ist es meist eins von diesem mit dem berühmten Tiefblick auf Riva. Den Ort erreichten wir schnell von Arco aus allerdings war hier die Parkplatzsuche noch etwas schwieriger, als am Vortag am Monte Baldo. Schließlich stellten wir unsere Fahrzeuge nahe dem Hafen ab.
 
Wieder mußten wir einige Zeit bergan steigen, nur waren wir an diesem Tag tiefer und es war daher deutlich wärmer als tags zuvor am Taccole. Der Weg zickzackte sich in endlosen Kehren fast 500 Hm aufwärts bis zur Capanna Barbara. Nahe dieser liegt der Einstieg zum Via dell′ Amicizzia (Nach Hüsler: "klassischer Klettersteig mittlerer Schwierigkeit').
 
Zunächst stiegen wir einige Zeit gemächlich steigend über Felsen, meist an Seilen empor. Leider gab es nur sehr wenig schattenspendende Bäume oder Büsche, so war der Anstieg auf dieser Südostwand sehr schweißtreibend. Nach einiger Zeit erreichten wir die erste und damit die kürzere der beiden Leitern. Diese war ca. 40 m hoch mit einem Podest in der Mitte. Es ist schon sehr eindrucksvoll wenn man an ihrem Fuß steht, noch eindrucksvoller jedoch wenn man sie hochklettert. Weiter ging es meist am Seil aufwärts bis wir schließlich an die zweite, 70 m hohe Leiter kamen. Sie führt in leichtem Bogen der Wand folgend aufwärts. Es ging immer noch weiter hoch, wieder über die eine oder andere kleine Leiter, bis wir schließlich nahe dem Gipfel das berühmte "Via dell′ Amicizzia-Bild" machen konnten. Von dort aus war es nicht mehr weit und wir erreichten endlich in 1.276 m Höhe die Cima SAT.
 
Der ursprünglich geplante Abstieg nach Süden mußte wegen eines drohenden Gewitters, das uns dann aber doch nicht erreichte, gestrichen werden. So steigen wir steil in mindestens "1000 Kehren" hinab bis zum Weg 402, auf dem wir wieder zum Ausgangspunkt am Hafen kamen. In Riva, genossen wir dann noch ein Rieseneis an der Uferpromenade des Gardasees und ließen die Blicke immer wieder zur Via dell' Amicizzia und der Cima SAT hinauf steigen. Wir waren sehr zufrieden mit dem Erlebten und der Leistung des Tages, immerhin hatten wir rund 1.200 Hm im Auf- und Abstieg bewältigt. Abends ging's wieder hinein nach Arco, denn inzwischen war das lecker Abendessen in den Restaurants Arcos zu einer festen Einrichtung geworden.
 
Für diesen Tag stand mit dem "Burrone" ein sehr leichter Klettersteig auf dem Programm. Leider mußten wir dorthin über eine Stunde bis nach Mezzocorona etwas nördlich von Trento fahren. Es wird empfohlen wegen der vielen Einbrüche die Fahrzeuge nicht nahe der Ferrata zu parken, deshalb parkten wir sie im Ort. Ausserdem hatten wir dann einen kürzeren Rückweg von der Seilbahn.
 
Vom Ort aus ging es in Richtung Nonstal fast eben durch die Weinberge. Der Weg zum Einstieg zweigte bald schon nach rechts ab und führte auf einem schmalen Bergpfad steil aufwärts. Nach einiger Zeit erreichten wir den oberen Einstieg des Via Ferrata Burrone-Giovanelli.
 
Ab da war es kaum mehr Ab da war es kaum mehr als ein gesicherter Steig, aber trotzdem höchst interessant. Zunächst ging's durch einen U-förmigen Überhang hinab zum Bett des Baches. Diesen überschritten wir und stiegen eine glitschige Leiter empor. Hinsichtlich der Schwierigkeiten war's das fast. Aber nun kam der schöne Teil: Wir stiegen das Bachbett hinauf mal links mal rechts des Baches immer wieder kleinere Felsstufen seillos überwindend, über uns die hohen, schluchtartigen Felsen. Besonders eindrucksvoll war ein Wasserfall, der nur noch wenig Wasser hatte. Das sprühte aber umso schöner mit feiner Gischt die senkrechte Wand hinab. Mit der Zeit öffnete sich die Schlucht mehr und mehr und wir erreichten die letzte Leiter.
 
Ab dort gings durch den Wald zu einem schönen Rastplatz mit Grillstelle und Unterstand. Nach einer längeren Pause dort gingen wir auf einem breiten Weg mit teils überaus eindrucksvollen Tiefblicken in Nons- und Eisacktal zur Seilbahnstation oberhalb von Mezzocorona. Die Seilbahnfahrt hinab in den Ort war noch einmal höchst eindrucksvoll, da der Felsen dort einige hundert Höhenmeter nahezu senkrecht abfällt und die Abfahrt entsprechend steil ist. Dabei konnten wir auch das schön bunt gedeckte Dach der Kirche bewundern.
 
An diesem Abend stand etwas Besonderes auf dem Programm: ein Büffet in einem der schönen Restaurants. Wir konnten die verschiedensten Antipasti, Pasta, Fleisch- und Fischgerichten sowie Nachtische essen. Mit reichlich Rotwein begossen wir die schöne vergangenen Klettersteigwoche.
 
Die Klettersteigwoche ging schneller als gewünscht zu Ende. Wir hatten einige der sehr schönen Klettersteige mit recht unterschiedlichem Charakter kennengelernt. Gegen 10 Uhr saß ich mit zwei Wanderkameraden im Bus nach Rovereto und bald im durchgehenden Zug nach Hause. Klettersteige gehören ab jetzt zu meinem festen Programm. Das waren ganz sicher nicht die letzten, die ich gemacht habe, im Gegenteil.
 
Ein paar Bilder der Klettersteige (und mehr) gibt's auf Uli Sauers Seiten